Argumente für die Widerspruchslösung

DIE WIDERSPRUCHSREGELUNG: ARGUMENTE

1. Die Gesellschaft bekennt sich zur Organspende 

  • Fast 90 Prozent der Deutschen würden laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung selbst ein fremdes Organ annehmen.
  • 84 Prozent stehen der Organspende positiv gegenüber[1]. In mehreren Umfragen[2]spricht sich eine Mehrheit der Bundesbürger für die erweiterte Widerspruchsregelung aus.

Es besteht also ein breiter gesellschaftlicher Konsens für die Organspende. Das spiegelt sich allerdings nicht in der derzeitigen Gesetzeslage wider; nach dieser gilt zwar jeder als Empfänger, nicht aber als Organspender. Das ist weder logisch, noch solidarisch, noch funktioniert es.

 

2. Freiwilligkeit bleibt erhalten 

Eine Widerspruchsregelung reflektiert das grundsätzliche Bekenntnis einer Gesellschaft zur Organspende, eine individuelle Pflicht dazu gibt es jedoch nicht.

  • Die Widerspruchslösung, so der Nationale Ethikrat 2007, verstoße „weder gegen die Menschenwürde noch gegen die Glaubens- oder Weltanschauungsfreiheit, weil sie das Recht, selbst zu entscheiden, ob man Organspender sein will oder nicht, im Kern unangetastet lässt, und weil sie nicht dazu zwingt, die Gründe für diese Entscheidung zu offenbaren.[3]
  • Das Bundesverfassungsgericht stellte fest, es sei „nicht ersichtlich“, dass potentielle Organspender „in ihren Grundrechten bereits dadurch verletzt werden, dass sie zur Abwehr der behaupteten Grundrechtsverletzungen [nämlich der Verletzung ihrer Würde und ihres Selbstbestimmungsrechts] einen Widerspruch erklären müssen“.[4]

 

3. Die Angehörigen werden einbezogen

  • Auch bei einer Widerspruchsregelung bleiben die Angehörigen einbezogen; sie wären allerdings nicht – wie bisher in der Mehrheit aller Fälle – der Last der alleinigen Entscheidung ausgesetzt, sondern würden als „Zeugen“ zum Willen des Verstorbenen befragt.
  • Auch in keinem der „Widerspruchsländer“ wird gegen das Veto der Angehörigen gehandelt.
  • Einen Automatismus zur Organspende gibt es nicht.

Die Widerspruchsregelung ist weniger ein verändertes Verfahren als vielmehr Ausdruck einer veränderten Haltung: Im Zweifelsfall nehmen wir nicht nur, sondern geben auch.

 

4. Organspende als solidarische Gemeinschaftsaufgabe

Die Organspendezahlen Anfang 2019 in Deutschland sind laut BZgA erneut deutlich niedriger als im Vergleichszeitraum 2018.[5] Wir sind Schlusslicht in Europa und profitieren von Spenden aus anderen Eurotransplantländern, in denen inzwischen ausnahmslos die Widerspruchslösung gilt und deren Organspende-Zahlen deutlich höher sind. Ein kurzer Blick auf unsere Nachbarn:

Spanien: Der Umgang mit Organspende und die Klinikstrukturen gelten als vorbildlich. Die Spenderzahlen sind die weltweit höchsten. Hierzulande heißt es oft, Spanien wende die Widerspruchsregelung gar nicht an, die Angehörigen würden wie bei uns um ihre Zustimmung gefragt. Richtig (siehe 3), doch ist die Grundlage eine andere: „Der Staat“, so Beatriz Domínguez-Gil, [6]„geht davon aus, dass die Organspende von den Bürgern zu erwarten ist in einem Land, in dem jeder Patient, der ein Organ benötigt, völlig gleichberechtigt Zugang zur Transplantation hat.“ Nichts anderes meint Widerspruchsregelung: wir nehmen nicht nur, wir geben auch…

 

5. Strukturelle Reformen alleine reichen nicht

Die Organisation der Klinik-Abläufe ist wichtig, doch ohne eine gesellschaftspolitische Triebkraft dahinter wurde die Trendwende bisher nirgendwo geschafft. Verschiedene Beispiele:

  • Niederlande: Dort wurden in den vergangenen 10 Jahren Klinikstrukturen in einem Masterplan erheblich reformiert,[7] der gewünschte Anstieg der Spenderzahlen blieb aber aus: Den Haag beschloss die Einführung der Widerspruchsregelung.
  • Großbritannien: Die Organisation der Organspende wurde kontinuierlich verbessert; die Möglichkeiten, sich in ein entsprechendes Register einzutragen, ausgeweitet. Ohne große Erfolge. London beschloss die Widerspruchsregelung und folgt damit Wales. Dort waren vor dem Opt Out die Zustimmungsquoten der Angehörigen zur Organspende die niedrigsten im Königreich, so Claire Williment vom NHS, jetzt sind sie die höchsten.
  • Auch in Dänemark und der Schweiz, wo noch die Zustimmungslösung gilt, formieren sich gerade Volksbewegungen zur Einführung der Widerspruchsregelung.

 

6. Signal für die Kliniken

Strukturen fallen nicht vom Himmel, sondern stehen im gesellschaftlichen Kontext. Das medizinische Personal muss in einem Umfeld arbeiten, in dem Organspende nicht nur kritisch überwacht, sondern auch als positiver Beitrag zum Allgemeinwohl anerkannt wird. Das in der Widerspruchsregelung zum Ausdruck gebrachte Commitment zur Organspende ist für die Kliniken Signal und Auftrag zugleich – zumal, wenn es um das Erkennen und Melden möglicher Spender geht.

 

7. Öffentliche Hand noch mehr in der Pflicht

Das Thema Organspende ist in „Widerspruchs-Ländern“ präsenter, gilt weniger als Ausnahme, die Menschen beziehen es selbstverständlicher in die Gedanken übers Lebensende mit ein. [8]

Bei der Einführung eines Widerspruch-Modells ist die Verpflichtung des Staates zur breiten Aufklärung maximal. Es sind längere Übergangszeiträume vorgesehen. In den Niederlanden [9] und Großbritannien zum Beispiel finden umfassende Informations- und Aufklärungskampagnen statt. Immer wieder wird die Frage gestellt: Wollen Sie Spender sein?

Diese Erfahrung sollte man auch in Deutschland aufgreifen. Die Widerspruchsregelung (WiR) respektiert die Selbstbestimmung, ist ethisch, unbürokratisch und solidarisch.

 

[1] Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2018: https://www.organspende-info.de/infothek/studien

[2] Jan.2019: repräsentative Online-Umfrage des Erfurter Instituts Insa-Consuler

[3] Stellungnahme des Nationalen Ethikrates „Zu einem drängenden Problem der Transplantationsmedizin in Deutschland, 2007:

[4] VerfG (Erste Kammer des Ersten Senats), NJW 1999: 3403, 3404.

[5] BzgA: Januar bis Februar 2019 gab es in 137 postmortale Organspender. Im gleichen Zeitraum 2018 waren es 171.

[6] vgl. Beatriz Domiguez Gil in einem Schreiben vom 4.1.2019 an MdB Claudia Schmidtke und in El Tiempo, 16.2.2019

[7] Transplantation. 2018 Aug; 102(8):1202-1204. Dutch Law Approves Opt-out System.

[8] Davidai, S., Gilovich, T., & Ross, L. (2012). The meaning of default options for potential organ donors. Proceedings of the National Academy of Sciences

[9] Siehe 7